Das Wort "Cacco" – Warum eine römische Kirche nach einem Affen heißt
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Das Wort “Cacco” – Warum eine römische Kirche nach einem Affen heißt
Wer durch Roms Altstadt spaziert, stößt früher oder später auf die Kirche Santo Stefano del Cacco. Der Name wirkt merkwürdig für ein Gotteshaus – doch “cacco” ist kein moderner Scherz, sondern ein Fossil des römischen Dialekts, der Romanesco genannt wird. Die Geschichte dahinter führt bis ins antike Ägypten.
Das Wort und seine Bedeutung
Im Romanesco, dem seit Jahrhunderten in Rom gesprochenen Dialekt, bedeutet “cacco” schlicht “Affe”. Das Wort ist eine Lautveränderung von “macaco” (Makak), wie sie regelmäßig in gesprochenen Dialekten auftritt: Das intervokalare “mac” wurde zu “cac” verhärtet, eine typische Transformation des Romanesco.
Die Kirche selbst steht im Rione Pigna, unweit des Marsfeldes, und trägt diesen Namen nicht aus Laune, sondern weil eine konkrete historische Sache dort geschah.
Die ägyptische Statue als Ausgangspunkt
Im antiken Rom stand auf dem Marsfeld das Iseum Campense, ein Tempel für den ägyptischen Gott Serapis. Mit solchen Tempeln kamen auch ägyptische Kunstwerke in die Stadt. Eine Statue zeigte den ägyptischen Gott Thoth – dargestellt als hundskopfähnlicher Pavian, wie in der ägyptischen Ikonografie üblich.
Als Rom in die Spätantike überging, verfiel auch dieser Tempel. Die Statue lag noch immer auf dem Areal. Die mittelalterlichen Römer sahen diese Figur und nannten sie nach dem, was sie an ihr am meisten faszinierte oder irritierte: einen “cacco”, einen Affen. Es war keine gelehrte Klassifikation, sondern das Alltagswort einer Bevölkerung, die die ägyptische Mythologie längst nicht mehr verstand.
Die Kirche, die auf diesem Platz entstand oder bereits stand, hieß ursprünglich “Sancti Stephani de Pinea” – nach einem antiken Pinienzapfen, der ebenfalls in der Gegend zu finden war. Doch der Name der Statue verdrängte die ältere Bezeichnung allmählich in der Volkssprache, bis Santo Stefano del Cacco zur dominanten Benennung wurde.
Sprache als Gedenkmal
Was hier passierte, zeigt, wie Dialekte funktionieren. Der Romanesco folgt eigenen Regeln der Lautumwandlung: Das toskanische “ragione” (Grund) wird zu “raggione” mit doppeltem g. Das “i” wird oft zu “e” – statt “di” sagt man “de”. Die Aussprache ist nasaler, die Betonungen anders als im Standard-Italienisch. Wer einen echten Römer schnell sprechen hört, versteht oft kaum etwas, obwohl es Italienisch ist: “Che stai a ffa’?” statt “Cosa stai facendo?” (Was machst du?).
Diese sprachlichen Besonderheiten sind nicht zufällig. Der heutige Romanesco wurde ab dem 16. Jahrhundert durch Zuwanderung aus der Toskana geprägt – Rom wurde linguistisch gewissermaßen toskanisiert. Der Name “cacco” jedoch ist älter, ein Überrest aus der mittelalterlichen Phase des römischen Dialekts, bewahrt in einem Kirchennamen.
Lebendigkeit und Verfall
Der Romanesco lebt noch, doch weniger in Einzelwörtern wie “cacco” als vielmehr in Wendungen und Redensarten. Das bedeutendste schriftliche Zeugnis seiner Vielfalt sind die “Sonetti Romaneschi” des Dichters Giuseppe Gioachino Belli aus dem 19. Jahrhundert – über 2000 Sonette, vollgetankt mit Dialektwörtern, die das Leben der römischen Bevölkerung ironisch beschreiben. Sie zeigen, wie lebendig der Romanesco einmal war.
Heute wirkt sich das Standard-Italienisch und der globale Urbanolekt stark auf den Dialekt aus. Junge Römer sprechen weniger Romanesco, und selbst ältere verwenden Wörter wie “cacco” eher passiv – sie kennen die Bedeutung, wenn sie den Kirchennamen hören, benutzen das Wort aber selten aktiv.
Schluss
Santo Stefano del Cacco steht noch immer in der römischen Innenstadt. Für Touristen ist es meist nur ein seltsamer Name auf einer Kirchentür. Aber der Name selbst ist ein sprachliches Gedenkmal: Eine ägyptische Statue, eine alltägliche Missbezeichnung, eine Lautveränderung über Jahrhunderte – und am Ende ein Kirchenname, der dokumentiert, wie Sprache funktioniert: nicht als System, sondern als lebendiges, manchmal zufälliges Überbleibsel von Geschichte.
Quellen
- Wikipedia: Römischer Dialekt
- GRIN: La città eterna / Stadt und Sprache in Rom
- Scuola Romit: Italian and Roman Dialect
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