18:37 Uhr auf Mykineshólmur

Der Geruch von verbranntem Petroleum und Salzwasser frisst sich in die Jacke. Es ist Herbst, und die Dämmerung kommt hier früher als anderswo. Jóhan steht vor dem Leuchtturm, die Hände in den Taschen seiner abgewetzten Wolljacke, und wartet auf den Moment, in dem die Uhr 18:37 anzeigt. Dann wird er die Petroleumlampe anzünden, wie er es seit vierzig Jahren tut.

Der Leuchtturm auf Mykineshólmur ist kein besonders hoher – nur vierzehn Meter, gebaut 1909 aus Stein und Eisen, als die Färöer noch eine der abgelegensten Ecken Europas waren. Damals wurde die Linse per Uhrwerk und Gewicht gedreht, alle drei Stunden von Hand aufgezogen. Heute blinkt das Licht alle zwanzig Sekunden, von Juli bis Mai, wenn die Nächte lang genug sind, um es zu rechtfertigen. Im Sommer bleibt der Turm dunkel. Die Sonne geht nicht unter, und das Meer braucht kein künstliches Licht, um sich zu orientieren.

Jóhan ist nicht der letzte Leuchtturmwärter Europas. Es gibt noch andere, die in automatisierten Türmen die Technik überwachen oder Touristen führen. Aber er ist der einzige, der noch immer eine Petroleumlampe bedient. Keine LED, keine Solarzellen, keine Fernsteuerung. Nur das flackernde Licht, das seit über einem Jahrhundert Schiffe vor den Klippen warnt. Die Lampe brennt länger in diesen Wochen, weil die Tage kürzer werden. Jóhan zündet sie an, wenn die Dämmerung beginnt, und löscht sie bei Sonnenaufgang mit einem nassen Lappen – eine Geste, die so alt ist wie der Turm selbst.

Die Insel Mykineshólmur ist winzig, nur 45 Hektar groß, und mit dem Rest der Welt verbunden durch eine schmale Fußgängerbrücke, die „Atlantische Brücke“. Unter ihr tobt das Meer, und an klaren Tagen sieht man die Robbenkolonie, die sich auf den Felsen sonnt. 2.500 Brutpaare Basstölpel leben hier, Vögel mit einer Flügelspannweite von bis zu 180 Zentimetern, die über den Klippen kreisen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Leuchtturm dreimal bombardiert – am 8. und 24. August und am 30. Oktober 1941. Die Bomben explodierten nicht, aber sie hinterließen Dellen im Stein.

Früher, als der Leuchtturm noch bewohnt war, wurden die Vorräte per Schlitten und Seilwinde vom Lagerhaus zum Wärterhaus transportiert. Reste der Winde sind noch heute sichtbar, rostig und von der Zeit gezeichnet. Seit 1969 gibt es keine 24-Stunden-Bewachung mehr, seit 1975 ist der Turm offiziell unbewohnt. Jóhan ist eine Ausnahme. Er kommt jeden Abend, egal bei welchem Wetter, und geht erst wieder, wenn die Lampe erloschen ist.

Vielleicht ist es diese Stille, die ihn antreibt, oder die Gewissheit, dass der Turm eines Tages ins Meer stürzen wird. Die Erosion ist nicht aufzuhalten, und irgendwann wird das Licht für immer erlöschen.

Bis dahin aber wird Jóhan weiterkommen. Jeden Abend um 18:37 Uhr, wenn der Herbst die Tage kürzer macht und das Meer dunkler wird. Und das Licht wird weiter über dem schwarzen Wasser zittern, als wollte es sagen: Hier bin ich. Noch.


Quellen


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