33 Schläge für die Berge

Das tiefe, metallische Gong der Glocke hallt durch die engen Gassen, als der erste Strahl der Morgensonne die Kuppel der Iglesia de San Francisco streift. Es ist Sonntag, 8 Uhr in La Paz. Die Stadt hält den Atem an.

Die Glocke schlägt nicht zum Gebet. Nicht mehr. Seit dem Erdbeben von 1948 läutet sie für die 33 Berge, die La Paz umgeben – jeder Schlag ein Gipfel: Illimani (6.439 m), Huayna Potosí (6.088 m), Mururata (5.871 m), Condoriri (5.648 m). Die Namen der Anden sind hier allgegenwärtig, doch an diesem Morgen sind sie nur noch Klang. 33 Mal. Nicht weniger, nicht mehr.

Die Kirche selbst ist ein Stück Kolonialgeschichte: 1549 begonnen, im 18. Jahrhundert im mestizenbarocken Stil vollendet, mit geschwungenen Formen und indigenen Verzierungen. Die Dachziegel tragen den Abdruck der Oberschenkel der Arbeiter, die sie einst im „Estilo Muslera“ formten – ein Detail, das erst auffällt, wenn man es weiß. Unter dem Hochaltar ruhen Nationalhelden wie Don Eduardo Abaroa und General José Ballivian, doch heute geht es nicht um sie. Es geht um die Glocke.

Sie hängt im Turm, der 1885 mit Spenden der Stadt erbaut wurde. Zehn Glocken hängen dort, doch nur eine zählt an diesem Morgen. Kein Motor, kein Strom. Ein Seil, eine Hand, ein Mann, der seit Jahren denselben Rhythmus hält. Die Schläge sind nicht gleichmäßig. Manche hängen einen Moment in der Luft, als zögerten sie, bevor sie verhallen. Die Bewohner zählen mit. Kinder auf dem Weg zur Schule bleiben stehen. Händler auf der Plaza San Francisco legen die Ware beiseite. Wenn der 33. Schlag verklungen ist, beginnt der Sonntagsmarkt.

Es ist weniger ein Markt als ein kollektives Innehalten. Die Stadt, die sonst hetzt – zwischen den steilen Gassen, den Minibussen, die sich durch das Chaos schieben –, die Stadt, die auf 3.600 Metern ohnehin schon nach Luft ringt, hält für ein paar Minuten still. Die Glocke gibt den Takt vor.

Ich habe es von der Plaza aus erlebt, zwischen den Ständen mit frischem pan de yuca und den Frauen, die chicha in Plastikbechern anbieten. Der Klang trägt. Er rollt durch die Straßen, prallt von den Fassaden ab, verliert sich in den Hügeln. Die Berge nehmen ihn auf.

Die Tradition ist jung, gerade 75 Jahre alt. Doch sie fühlt sich an, als wäre sie immer da gewesen. Vielleicht, weil sie etwas Einfaches feiert: die Geografie. Kein Dogma, kein Ritual. Nur eine Glocke, 33 Berge, eine Stadt, die sich für einen Moment daran erinnert, wo sie steht.


Quellen


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