title: “Sonntags um fünf: Das Brot, das in Assisi ohne Worte entsteht” —

Der Geruch von frischem Sauerteig füllt den Raum, während die Stille so dicht ist, dass man sie schneiden könnte. Im Kloster Santa Croce in Assisi beginnt der Sonntag nicht mit Glockenläuten, sondern mit dem Knirschen von Dinkelkörnern zwischen den Fingern der Nonnen. Seit Jahrzehnten backen die Franziskanerinnen hier ihr Brot der Stille – sonntags um fünf Uhr morgens, wenn die Stadt noch schläft und der Holzofen zum einzigen Mal in der Woche geheizt wird.

Die Zubereitung folgt einer Regel, die so einfach wie radikal ist: Kein Wort wird gesprochen. Die Schwestern kommunizieren durch Blicke, durch das leichte Neigen des Kopfes, durch das Deuten mit den Händen. Der Sauerteig, der seit Generationen im Kloster gepflegt wird, wird mit Dinkel- und Weizenmehl aus umbrischen Mühlen vermischt. Die Mengen werden nicht abgewogen, sondern mit den Händen abgemessen – eine Praxis, die so alt ist wie das Kloster selbst, das im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Der Teig ruht lange, länger als es die meisten Bäcker für nötig halten würden. Dann kommt er in den Ofen, dessen Hitze die Kruste dick und knusprig backt.

Nach dem Backen wird das Brot auf einem Steinblock abgekühlt, der seit der Klostergründung im Backhaus liegt. Seine Oberfläche ist von den Jahren glatt poliert. Die Novizin, die in dieser Woche das Rezept erstmals überreicht bekommt, wird es erst nach einem Jahr der Probezeit selbstständig backen dürfen.

Ich finde, dass die Vorstellung, ein Brot zu essen, das in absoluter Stille entstanden ist, etwas Beruhigendes hat. Es ist, als trüge jeder Bissen die Geduld der Nonnen in sich, die Geduld einer Tradition, die sich weigert, sich dem Tempo der modernen Welt anzupassen. Die Kruste knirscht zwischen den Zähnen wie ein leises Echo der Holzofenhitze.

Das Brot der Stille ist kein Geheimnis, aber es ist auch kein Produkt für den Markt. Es wird nicht verkauft, nicht beworben, nicht einmal besonders genannt. Es ist einfach da, sonntags um fünf, wenn der Ofen brennt und die Stille so greifbar wird wie der Sauerteig in den Händen der Nonnen.


Quellen


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