Die *10:15-Pause* der Leuchtturmwärter in Kapstadts *Green Point Lighthouse*, wenn der Nebel die Sirenen verschluckt
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Die 10:15-Pause, wenn der Nebel die Sirenen verschluckt
Das Dröhnen der Sirene verstummt, und plötzlich hört man nur noch das eigene Atmen. Dann weiß man: Es ist 10:15 Uhr im Green Point Lighthouse. Der Nebel liegt so dicht über der False Bay, dass das Horn – Moaning Minnie, wie es die Einheimischen nennen – seine Stimme verliert. Seit 1926 warnt es alle 30 Sekunden für drei Sekunden vor den Klippen von Mouille Point. Doch wenn die Feuchtigkeit der Luft die Schallwellen verschluckt, gibt es nichts mehr zu tun, als zu warten.
Die Wärter wissen das. Sie haben es von ihren Vorgängern gelernt, und die wieder von denen vor ihnen, seit 1824, als der Turm in Betrieb genommen wurde. Herman Shutte, ein deutscher Architekt, hatte ihn entworfen, und Sir Rufane Shaw Donkin, der damalige Gouverneur, hatte den Auftrag gegeben. Damals brannten noch Argand-Lampen mit Pottwalöl, und das Licht war nur sechs Seemeilen weit zu sehen. Heute strahlt ein Scheinwerfer mit 850.000 Candela 25 Seemeilen über das Meer, blinkt alle zehn Sekunden. Doch der Nebel bleibt. Er kommt besonders im Frühling, wenn die Winde unberechenbar werden.
Um 10:15 Uhr, wenn die Sirene für eine Stunde verstummt, gibt es eine Pause. Keine offizielle, keine, die in irgendwelchen Dienstplänen steht. Aber eine, die sich über die Jahrzehnte eingeschlichen hat. Die Wärter setzen sich in den kleinen Raum unter der Laterne, wo der Wind nicht so scharf durch die Ritzen pfeift. Sie trinken Tee – meistens Rooibos, manchmal mit einem Schuss Milch. Und sie zählen den Nebel. Nicht die Minuten, nicht die Sekunden. Den Nebel. Wie dicht er ist, wie lange er bleibt, ob er sich in den nächsten Stunden auflöst oder noch stundenlang über dem Wasser hängen wird. Es ist ein System, das funktioniert. Seit 1824.
Manchmal, wenn der Nebel besonders hartnäckig ist, erzählen sie sich Geschichten. Von dem Mal 1966, als der Drehstrahl des Leuchtturms auf das gestrandete Schiff S.A. Seafearer gerichtet wurde, um die Rettungsaktion zu unterstützen. Oder von D.J. Opperman, dem Dichter, der das Nebelhorn in seinem Epos „Joernaal van Jorik“ als „wie eine Kuh, die vor Schmerz brüllt, monoton und heiser über das Wasser“ beschrieb. Die Worte hängen dann in der Luft, vermischen sich mit dem Dampf des Tees.
Der Turm selbst ist schlicht: 16 Meter hoch, seit 1865, mit den rot-weißen Diagonalstreifen, die ihm 1956 verpasst wurden. Er steht da, unauffällig, zwischen den modernen Wohnungen von Green Point und dem Ozean, der nie ruhig ist. Die Besucher, die zwischen 9 und 12:30 Uhr oder am Nachmittag bis 15:30 Uhr kommen, sehen meist nur das Licht, die Aussicht, die Geschichte. Sie hören nicht den Moment, in dem die Sirene aufgibt. Sie spüren nicht die Last des Wartens.
Als jemand, der selbst schon im Nebel vor Mouille Point stand, kann ich bestätigen: Die Stille nach dem Horn ist fast greifbar.
Doch die Wärter wissen: Irgendwann, meist gegen 11:15 Uhr, lichtet sich der Nebel. Dann beginnt Moaning Minnie wieder zu stöhnen, und die Arbeit geht weiter. Bis dahin aber gibt es diese eine Stunde, in der die Zeit stillzustehen scheint. In der man nur das eigene Atmen hört. Und den Tee, der langsam abkühlt.
Quellen
- Wikipedia: „Green Point Lighthouse, Cape Town“
- Netwerk24: „Then and Now: First light Green Point Lighthouse“
- Getaway: „All about Green Point’s famous lighthouse“
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